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HNA Artikel zum Wechselmodell vom 30.03.16

„Ich habe zwei Zuhause“


Seltenes Modell: Kasseler Scheidungskind Franziska Pappert lebt zur Hälfte bei Mutter und Vater

KASSEL. In Großstädten wie Kassel wird statistisch gesehen fast jede zweite Ehe irgendwann wieder geschieden. Deutschlandweit kommen jedes Jahr fast so viele neue Scheidungskinder hinzu, wie Kassel Einwohner hat. Eines von ihnen ist Franziska Pappert aus Kassel. Die 17-Jährige kann gut mit ihrem Schicksal leben. Das liegt auch daran, dass sie seit der Scheidung ihrer Eltern vor viereinhalb Jahren jeweils die Hälfte ihrer Zeit bei Vater und Mutter lebt. Ein absolutes Ausnahmemodell, das Achim Mathusek von der Vätergruppe Kassel weiter fördern möchte.

Nur fünf Prozent teilen

Das sogenannte Wechselmodell werde nur von fünf Prozent aller getrennt lebenden Eltern praktiziert. Die Quote gilt auch für getrennte Paare, die zuvor unverheiratet waren. Es gebe viele Vorurteile gegen die Regelung. „Viele behaupten, es sei nicht gut, wenn ein Kind sich aufteilen muss und kein echtes Zuhause habe“, sagt Mathusek. Die 17-jährige Schülerin der Elisabeth-Knipping-Schule, die dort die Fachschule Sozialwesen besucht, kann solche Vorurteile nicht verstehen. Sie lebt im Wechsel jeweils zwei Wochen bei Mutter und Vater. Obwohl diese sich nur noch wenig zu sagen hätten, setzten sich beide dafür ein, dass ihr Nachwuchs auf keinen Elternteil verzichten muss. „Sie wissen, es geht dabei nur um mich und meine Bedürfnisse“, erzählt die junge Frau. Am Anfang habe sie wöchentlich ihr Zuhause gewechselt, dies sei ihr aber schon bald zu stressig geworden. Seit dieser Zeit packt sie alle zwei Wochen ihren großen Reiserucksack, um zwischen ihren Kinderzimmern im Vorderen Westen und Kirchditmold zu pendeln. „Auf diese Weise entsteht bei keinem meiner Eltern eine Besuchsatmosphäre. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich fühle mich bei beiden zu Hause. Ich habe zwei Zuhause, obwohl in meinem Personalausweis nur ein Erstwohnsitz steht“, sagt die 17-Jährige. In ihrem Freundeskreis hätten andere Trennungskinder berichtet, dass sie durch die seltenen Besuche den Kontakt zu ihrem Vater verloren hätten. Wer seinen Vater nur jedes zweites  Wochenende sehe – so wie es das Umgangsrecht in Deutschland in der Regel vorsieht – könne keine vernünftige Beziehung aufbauen.
Mathusek von der Vätergruppe würde sich wünschen, dass mehr Eltern das Wechselmodell nutzen, das in Schweden gesetzlich verankert ist. Es sei laut eines Urteils des Bundesgerichtshofes an klare Vorgaben gebunden: Beide Eltern müssten exakt 50 Prozent der elterlichen Pflichten übernehmen, damit keiner dem anderen gegenüber kindesunterhaltspflichtig ist. Weil zunehmend beide Eltern berufstätig und damit wirtschaftlich unabhängig seien, gebe es zunehmend Spielraum dafür. „Die Eltern können sich dann auf Augenhöhe begegnen, weil sie gleichermaßen den Alltag mit dem Kind meistern.“ • Wer Fragen zum Wechselmodell hat, kann sich an die Vätergruppe wenden. E-Mail:
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